Wir haben uns bereits ausführlich mit den Problemen der relativen Mehrheitswahl und Stichwahl beschäftigt. Als Alternative wird oft die Integrierte Stichwahl (engl: “Instant Runoff Voting” IRV) diskutiert. Entsprechend oft wird es auch als Verbesserung zur Mehrheitswahl vorgeschlagen. Das Verfahren wird in mehreren Ländern angewandt und ist daher eines der bekannteren alternativen Wahlverfahren. Daher werden wir uns den Argumenten für und wieder, sowie den vielen Problemen dieses Verfahrens im Detail widmen. Wir werden sehen, dass es nur marginal besser ist als die relative oder absolute Mehrheitswahl und eventuell sogar mehr neue Probleme schafft als sie löst.

Wie der Name nahelegt, integriert die integrierte Stichwahl die Stichwahl in die erste Runde. Darüber hinaus bringt sie aber kaum Verbesserungen mit sich.

Simulationen zur theoretischen Wählerzufriedenheit zeigen, dass es viele Verfahren gibt die weitaus bessere Ergebnisse erreichen als die IRV und zudem auch einfacher sind. Über diese Metrik hinaus gibt es noch eine Reihe von Argumenten für und wieder der Integrierten Stichwahl. Für alle die sich nicht so tief mit technischen Fragen befassen wollen gibt es unten stehend eine Zusammenfassung.

Theoretische Wählerzufriedenheit in simulieren Wahlen (Huang 2021)

Namensgebung

Die Integrierte Stichwahl wird oft auch “Präferenzwahl” oder “Rangwahl” genannt (bzw. im Englischen auch “Ranked Choice Voting” RCV, oder “Alternative Vote” AV). Diese Begriffe sind aber ungenau und verwirrend da es vielerlei Methoden gibt einen Stimmzettel mit Präferenzen oder Rängen auszuwerten - nahezu alle besser als die Integrierte Stichwahl. Wir verwenden hier deswegen “Integrierte Stichwahl” bzw. IRV, auch wenn die anderen Begriffe häufiger sind.

Verfahren

Die Wähler nummerieren die Kandidaten nach ihrer Präferenz. Also “1” für den Favoriten, “2” für den nächstbesten und so weiter.

Die Auszählung erfolgt in mehreren Runden. Dabei wird je Stimmzettel immer nur die höchste verbleibende Präferenz gezählt. Hat kein Kandidat eine Mehrheit der verbleibenden Stimmen, wird der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus dem Rennen entfernt und auf den Stimmzetteln gestrichen. Bei allen Stimmzetteln die für diesen Kandidaten gestimmt haben zählt in der nächsten Runde der nächstbeste Kandidat.

In der Praxis gibt es Variationen dazu wie viele Kandidaten angekreuzt werden dürfen oder müssen und wie mit unvollständigen, doppelten und lückenhaften Ranglisten umgegangen wird.

Zusammenfassung

Das Verfahren lässt sich als relative Mehrheitswahl in mehreren Runde beschreiben. In jeder Runde zählen immer nur die höchsten Präferenzen. Sie bleibt somit eine Form der Mehrheitswahl und teilt mit dieser auch einige Eigenschaften. Wir wissen, dass die relative Mehrheit eine schlechte Metrik ist um den besten Kandidaten zu finden. Ebenso ist es ungeeignet dazu den schlechtesten Kandidaten zu finden. Anstatt einen möglichst großen Konsens zu finden, endet das Verfahren sobald es eine rechnerische Mehrheit gibt.

Wie in der Mehrheitswahl wird angenommen, dass die Wählerschaft in Gruppen gespalten ist die nicht bereit sind miteinander zu kooperieren. Die Stimme zählt in jeder Runde nur für einen Kandidaten und dieser muss erst aus dem Rennen ausscheiden bevor die Stimme für jemand anderen gezählt wird. Kooperation und Kompromisse werden damit ausgeschlossen. Stimmen schwacher Kandidaten werden nach und nach den stärkeren Kandidaten zugeschlagen. Damit wird ein Zweiparteiensystem gefördert.

Durch die mehreren Runde von eliminieren und neu-auszählen entstehen chaotische und paradoxe Effekte. Unter Umständen können Wähler ein besseres Ergebnis erreichen wenn sie nicht wählen, einen Kandidaten helfen indem sie diesen einen schlechteren Rang geben, oder ihrem Favoriten helfen indem sie jemand anderen an erster Stelle setzten.

Dabei ist das Verfahren unnötig komplex. Durch die mehreren Runden müssen die Stimmen zentral ausgezählt werden. Es kann erst ausgewertet werden wenn alle Stimmen angekommen und gezählt sind (Briefwahl). Wahlverfahren sollten allgemein verständlich und nachvollziehbar sein. Die IRV macht es den Wählern schwer dem Verfahren zu vertrauen - die Auszählung ist intransparent und anfällig für Fehler.

Die Integrierte Stichwahl will eine Alternative zur relativen Mehrheitswahl sein. Dabei ist sie selber eine Form der Mehrheitswahl und hat daher viele der selben Probleme. Auch wenn sie marginal besser ist begrenzt sie weiterhin die Wähler in ihrer Auswahl - es wird immer nur eine Präferenz betrachtet, nicht das ganze Bild. Das gilt auch für andere Formen der Mehrheitswahl welche immer wieder neu erfunden werden: Stichwahl, Negativstimme, Für-und-Gegen-Stimme und Ersatzstimme.

Die IRV stellt eine nur marginale Verbesserung zur relativen Mehrheitswahl dar. In Deutschland (und den meisten europäischen Ländern) wird aber die Mehrheitswahl mit Stichwahl häufiger angetroffen als ohne. Somit ist die eigentliche Frage: Ist die Integrierte Stichwahl der tatsächlichen Stichwahl vorzuziehen? Die Unterschiede sind aber so gering, dass sich das nicht klar beantworten lässt. Dabei gibt es dutzend Wahlverfahren welche deutlich besser geeignet sind den Willen der Wähler abzubilden als diese drei.

Diese Verfahren bleiben alle im selben schädlichen Denkmuster gefangen - in welchem die Wähler zu einander ausschließlichen konkurrierenden Gruppen gehören - und formen der Realität nach diesem Bild. Die integrierte Stichwahl behandelt ein Symptom (und dazu noch unzureichend) anstatt das Problem zu lösen.

Wahnsinn ist, wenn man immer wieder das Gleiche tut, aber andere Resultate erwartet.

Es ist zu befürchten, dass wenn die IRV bei einer Wahl eingeführt wird, diese mit großen Versprechungen beworben wird, effektiv aber weit unter den Erwartungen zurückbleibt. Das könnte Wähler enttäuschen und damit deren Unterstützung für zukünftige Reformvorhaben schmälern.

Behauptete Vorteile

Verfechter führen mehrere Vorteile an die für die Integrierte Stichwahl sprechen sollen. Einer genaueren Betrachtung halten diese aber nicht stand.

Spoilereffekt

Der Spoilereffekt ist, wenn ein zusätzlicher Kandidat antritt der dem eigentlichen Gewinner politisch nahe steht. Die Wähler teilen sich auf beide Kandidaten auf sodass keiner von beiden Gewinnt. Das hält Personen davon ab sich zur Wahl zu stellen, selbst wenn sie alle antretenden Kandidaten in einer Stichwahl besiegen könnten.

Treten mehrere Kandidaten an, dann würde ein schwacher Spoilerkandidat eliminiert und die Stimmen transferiert. Der Spoilereffekt ist damit vermieden. Das gilt aber nur solange der zusätzliche Kandidat wenig Stimmen erhält. Die IRV vermeidet Spoiler nur für den Fall, dass es zwei Spitzenreiter mit deutlichen Abstand zum Rest gibt.

Bürgermeisterwahl in Burlington 2009, Sankey-Diagramm von psephomancy

Bei der Bürgermeisterwahl in Burlington Vermont 2009 ist dieser Fall aufgetreten. Während Montroll wahrscheinlich sowohl Kiss als auch Wright in einer Stichwahl besiegen hätte können wurde er vorzeitig eliminiert.

Mehrheit

Kein Wahlsystem kann eine Mehrheit garantieren wenn es in der Bevölkerung keine Mehrheit gibt. Trotzdem ist das ein gerne genanntes Argument für die IRV. Weil die relative Mehrheit nicht ausreicht werden solange Kandidaten ausgeschlossen, bis einer der Verbliebenen eine rechnerische Mehrheit hat.

Werden alle bis auf zwei Kandidaten ausgeschlossen gibt zwangsläufig eine rechnerische Mehrheit (ausgenommen bei Stimmgleichstand). Deutlich wird das in einer Wahl in der die Kandidaten eliminiert werden, die Stimmen aber immer zu Kandidaten transferiert werden die bereits ausgeschlossen sind. Haben zu Anfang A und B die meisten Stimmen mit zum Beispiel 20% und 10%, hätten sie zu Ende nicht mehr Stimmen. In der letzten Runde würde aber verkündet, dass A gegen B mit 2/3 der Stimmen gewonnen hätte.

Later-No-Harm

Later-No-Harm (kurz LN-Harm) ist ein formales Kriterium das besagt, dass es einem Kandidaten nicht schaden darf, wenn man einen zusätzlichen Kandidaten einen niedrigeren Rang gibt. Die Intention dabei ist, dass Wähler immer ihre gesamte Präferenz angeben können ohne zu befürchten, dass der Favorit darunter leidet.

Was einleuchtend klingt kommt aber mit einem großen Nachteil, denn es verhindert Kompromisskandidaten. Wird jemand von allen Wählern als zweite Präferenz genannt, von niemanden aber als erste, dann wird dieser Kandidat als erstes eliminiert. Eine Wählerschaft, die in ihren Erstpräferenzen hochgradig gespalten ist, könnte so alle Möglichkeiten verlieren einen Kompromisskandidaten zu finden.

Insbesondere funktioniert LN-Harm nur weil die weiteren Präferenzen in jeder Runde nicht gezählt werden. Die Wähler haben keine Nachteile dadurch diese anzugeben weil sie je Runde keine Auswirkung haben.

Erlaubt den Wählen mehr Ausdruck

Die IRV erlaubt den Wählern zwar alle Kandidaten der Präferenz nach zu nummerieren, damit werden die Präferenzen aber noch nicht gezählt. Ausschlaggebend ist in jeder Runde nur die jeweils höchste Präferenz. Damit wird der größte Teil der Information nie gezählt. Den Wählern wird suggeriert ihre Stimme hätte mehr Einfluss als sie effektiv erreicht.

Bekannt und getestet

Das Verfahren ist bereits über 150 Jahre alt und wird in mehreren Ländern der Welt angewendet. Doch verläuft ihr Siegeszug, auch heute noch, im Schneckentempo. Die Integrierte Stichwahl hatte ihre Chance und ist lautlos gescheitert. Sie stellt keine Revolution der politischen Landschaft dar, sondern ist - wie die relative Mehrheitswahl - ein Relikt aus einer andern Zeit.

Das etwas gut getestet ist, ist kein Wert in sich selbst. Die Sicherheit zu wissen, dass etwas schlecht ist macht es nicht besser.

Besser als die relative Mehrheitswahl

Es ist eindeutig, dass die Integrierte Stichwahl der relativen Mehrheitswahl vorzuziehen ist. Doch die rel. Mehrheitswahl ist dermaßen schlecht, dass das für nahezu jedes andere Wahlverfahren gilt (ausgenommen eventuell der Negativstimme und Borda-Wahl).

Auf dem drittletzten Platz zu sein ist keine Auszeichnung.

Nachteile

Die genannten Vorteile erkauft die Integrierte Stichwahl mit einer langen Liste von Problemen. Durch das komplexe Verfahren sind viele nicht offensichtlich.

Kompliziertes Verfahren

Bei einigen Wahlverfahren kann man in einem kurzen Satz begründen wer gewinnen sollte:

  • rel. Mehrheitswahl: Es gewinnt wer die größte Gruppe hinter sich vereint.
  • Zustimmungswahl: Es gewinnt wer von den meisten Wählern unterstützt wird.
  • Bewertungswahl: Es gewinnt wer die größte Wählerzufriedenheit bringt.
  • Condorcet-Verfahren: Es gewinnt wer alle anderen in einer Stichwahl besiegen würde.

Praktisch würden die letzten drei Definitionen in über 90% der Fälle die gleiche Person wählen.

Die Integrierte Stichwahl ist schwieriger zu vermitteln. Es gibt hier kein Kriterium das den Gewinner als “besten” auszeichnet. Eine möglichst kurze Zusammenfassung beschreibt nur das Verfahren selbst.

  • Es gewinnt wer eine Gruppe hinter sich vereint die über die Hälfte der verbleibenden Wähler ausmacht, nachdem die kleinsten Gruppen nach und nach aufgelöst wurden.

Es ist damit schwer zu vermitteln warum man solch ein Wahlverfahren wollen würde. Üblicherweise wird diese Frage nicht gestellt oder beantwortet, sondern die IRV wird als Mehrheitswahl mit zusätzlichen Schritten erläutert. Dabei ist das Verfahren in mehrfacher Hinsicht kompliziert und Fehleranfällig - für die Wähler bei der Stimmabgabe und um das Verfahren zu verstehen, bei der Auszählung und Auswertung, bei Meinungsumfragen und der Darstellung der Ergebnisse.

Zentrale Auszählung

Eine Besonderheit ist, dass die Stimmen erst zentral gesammelt werden müssen, bevor ausgezählt werden kann. Wir sind es gewohnt, dass die Wahllokale selbst die Stimmen auszählen und die Ergebnisse beim Wahlleiter addiert werden. Mit der IRV ist das nicht möglich. Erst wenn alle Stimmzettel ausgezählt sind kann bestimmt werden welcher Kandidat gestrichen wird. Darauf hin müssen die entsprechenden Stimmzettel nochmals ausgezählt werden. Dadurch gibt es entweder ein langwieriges hin und her zwischen Wahlleiter und Wahllokalen, oder die Stimmzettel müssen gesammelt an einem zentralen Ort ausgezählt werden.

Damit ist die Auszählung auch anfällig für Fehler und Manipulation. Bei der Vorwahl zum Bürgermeisteramt in New York 2021 wurden aus Versehen 100.000 Teststimmen in die Auszählung miteinbezogen. Die finale (korrigierte) Auszählung wurde mit etwas über 1.000 Stimmen entschieden.

Weil die Stimmen zentral gezählt werden lassen sich solche Fehler von außen nur schwer erkennen. Das öffnet die Türe für Behauptungen von Wahlmanipulation.

Langwierige Auszählung

Die Auszählung in mehreren Runden kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Auszählung kann so viele Runden in Anspruch nehmen wie es Kandidaten gibt. Das größere Problem stellen aber die Stimmen per Briefwahl dar. Weil alle Stimmen bekannt sein müssen bevor der Prozess starten kann muss auch auf die Auszählung der Briefwähler gewartet werden. Das kann das Ergebnis um mehrere Tage verzögern.

Aus den selben Gründen können Wahlprognosen am Wahlabend lediglich die Erstpräferenzen verwerten, aber kein Ergebnis voraussagen.

Viele ungültige Stimmzettel

Präferenzen müssen in einer Reihenfolge 1, 2, 3, … angegeben werden. Folglich ist der Anteil an ungültigen Stimmen deutlich höher. Es könnte ein Rang fehlen oder doppelt sein. Es könnten mehr als maximal erlaubt oder weniger als minimal gefordert angegeben werden. Es ist möglich die Stimmen bis zum fehlerhaften Rang zu zählen, doch üblicherweise werden die Stimmen gänzlich als ungültig markiert. Wie viel mehr ungültige Stimmen dadurch entstehen lässt sich schwer sagen, weil absichtlich ungültige, leere und fehlerhaft ausgefüllt Stimmzettel meist nicht separat erfasst werden. Es ist aber eindeutig, dass sich die Fehlerquote im Vergleich zur Mehrheitswahl erhöht.

Das benachteiligt Wähler die die Landessprache nicht fließend sprechen und solche mit geringer Bildung.

Begrenzte Präferenzen

Die Präferenzen könnten entweder von den Wählern als Zahlen neben die Kandidaten geschrieben werden, oder der Stimmzettel könnte Felder zum ankreuzen haben. Beide Varianten haben ihre Nachteile. Handschriftliche Zahlen könnten schwer lesbar sein oder bestimmte Wählergruppen benachteiligen. Ränge zum ankreuzen nehmen auf dem Stimmzettel viel Raum ein. Daher wird (besonders in den USA mit Wahlcomputern) oftmals die Anzahl der Ränge auf ein Maximum von 3 oder 5 begrenzt.

Präferenzen werden entgegen der Intuition gewertet

Wenn Wähler einen Kandidaten A höher als B wählen, ist es intuitiv anzunehmen, dass die Stimme A vor B bevorzugt - schließlich heißt es auch “Vorzugswahl”. Statt dessen behandelt das Verfahren die Stimme als für A und nur für A, solange A im Rennen ist. Die Frage ob die Wähler A oder B bevorzugen wird eventuell nicht gestellt.

Dadurch kann es passieren, dass ein Kandidat welcher alle anderen Kandidaten in einer Stichwahl schlagen würde (wenn also diese Frage gestellt würde), in der Integrierten Stichwahl aber vorher schon eliminiert wird und damit verliert.

Information wird nicht genutzt

Während die Wähler eine Rangliste aller Kandidaten erstellen können wird die Information die darin enthalten ist nicht genutzt. Die Stimme zählt immer nur für die höchste verbleibende Präferenz, alle anderen werden ignoriert.

Bei 10 Kandidaten sind über 10! = 3.628.800 verschiedene Stimmzettel möglich. Die Stimme zählt aber immer nur für einen von zehn Kandidaten in maximal zehn Runden. Während den Wählern suggeriert wird ihren Willen sehr präzise ausdrücken zu können kann das Wahlverfahren diese Informationen nicht nutzen.

Umfragen zeigen ein verzerrtes Bild

Auch Umfrageinstitute haben mit der Komplexität zu kämpfen. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu zeigen müssten sie bei den Teilnehmern die gesamte Präferenz abfrage, auswerten und das Ergebnis auch dementsprechend darstellen. Gerade der letzte Punkte bereitet aber Probleme. Sie können nicht eine Zahl pro Kandidaten zeigen sondern müssen alle Runden darstellen.

Es wäre möglich die Stimmanteile der Kandidaten in der letzten Runde in der sie teilnehmen darzustellen. Das ist aber Anfällig für die Reihenfolge in der die anderen Kandidaten eliminiert werden. Umfrageinstitute könnten hier große Unterschiede haben, während sich ihre Daten nur geringfügig unterscheiden.

Praktisch läuft es darauf hinaus, dass nur die Erstpräferenzen dargestellt werden - wie in der relativen Mehrheitswahl. Eventuell mit zusätzlichen Fragen wer der Spitzenkandidaten in einer Stichwahl gewinnen würde. Doch beide Informationen treffen keine Aussage dazu wer in der Integrierten Stichwahl gewinnen würde.

Kriterien und Paradoxien

Die Integrierte Stichwahl wird in mehreren Runden ausgewertet, wobei jede Runde auf den Ergebnis der vorherigen beruht. Somit sind chaotische Effekte möglich durch die wenige Stimmen ein völlig anderes und unerwartetes Ergebnis hervorbringen. So können auch Paradoxien auftreten in denen Wähler das Gegenteil von dem erreichen was sie beabsichtigen.

Negatives Stimmgewicht

Einen Kandidaten auf einen höheren Rang zu setzen sollte diesen Kandidaten nicht schaden. Doch eben das ist mit der IRV möglich. So ein negatives Stimmgewicht trat auch beim Bundestagswahlrecht auf, worauf dieses 2008 für Verfassungswidrig erklärt wurde.

Ein Wahlsystem, das darauf ausgelegt ist oder doch jedenfalls in typischen Konstellationen zulässt, dass ein Zuwachs an Stimmen zu Mandatsverlusten führt […], führt zu willkürlichen Ergebnissen und lässt den demokratischen Wettbewerb um Zustimmung bei den Wahlberechtigten widersinnig erscheinen.

BVerfG, Urteil vom 3. Juli 2008, Az. 2 BvC 1/07, BVerfGE 121, 266

Bei Wählersimulationen unter verschiedenen Annahmen zeigt sich, dass ein negatives Stimmgewicht in etwa 6-15 % (Smith 2010) der Fälle auftritt. Dabei wurden nur Wahlen mit drei Kandidaten untersucht. Mit mehr Kandidaten wird der Effekt noch wahrscheinlicher.

Teilnahmekriterium

Wer an einer Wahl teilnimmt und den eigenen Willen ehrlich ausdrückt, sollte seinen Zielen dadurch nicht schaden können. Dies sollte ebenso selbstverständlich gelten wie es kein negatives Stimmgewicht geben sollte. Doch in der IRV ist auch dieses Kriterium verletzt. Wähler können ein schlechteres Ergebnis erhalten wenn sie an der Wahl teilnehmen. Oder andersherum ausgedrückt: Wähler können ein besseres Ergebnis erzielen indem sie sich der Wahl enthalten.

Entsprechen den zuvor genannten Simulationen tritt dieses Paradox in 10-20 % der Fälle auf.

Stimmgleichgewichte sind wahrscheinlich

Bei nahezu allen Wahlverfahren kann es vorkommen, dass zwei Kandidaten gleich viele Stimmen erhalten. Weil die relative Mehrheitswahl nur sehr wenig Informationen abfragt sind Stimmgleichgewichte wahrscheinlicher als bei den meisten anderen Verfahren, aber trotzdem noch selten.

Wendet man aber das Prinzip der relativen Mehrheitswahl in mehreren Runden an, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Stimmgleichgewicht mit steigender Anzahl an Runden. Tritt so ein Gleichstand auf steht die Auszählung still, es muss erst eine Münze geworfen werden um die Zählung fortzuführen.

Nahezu-Gleichgewichte führen noch zu einem weiteren Problem. Entscheiden nur wenige Stimmen darüber welche Kandidaten eliminiert werden, dann kann das Folgen auf die Stimmanteile der anderen Kandidaten haben. - Ein paar Stimmen mehr für Kandidat A können Kandidat B zum Sieg verhelfen. Das erodiert das Vertrauen in den Wahlprozess und macht Neuauszählungen häufiger notwendig.

Stimmsplitting

Das große Versprechen der IRV ist das Stimmsplitting zu beseitigen. Bei der relativen Mehrheitswahl tritt das zum Beispiel auf, wenn die Wähler in ihrer Auswahl begrenzt sind und sich zwischen guten Alternativen entscheiden müssen. Die Stimmen einer Mehrheit verteilen sich zum Beispiel auf A und B, wodurch eine dritte Minderheit C gewinnt.

Die IRV verhindert das nur in den Fällen in denen es zwei starke Kandidaten gibt, die unter weiteren schwachen Kandidaten leiden würden. Die schwachen Kandidaten werden durch den Prozess des Eliminierens ausgeblendet. Gibt es aber mehrere starke Kandidaten, dann taucht das Stimmsplitting wieder auf. Es ist nicht mehr deutlich welcher Kandidat zuerst eliminiert werden soll. Zudem basiert diese Logik auf einem eindimensionalen politischen Spektrum. Wahlen sind aber (zumindest Heutzutage) komplexer und mehrdimensional.

Mitte unter Druck

Das Problem des Stimmsplittings wird besonders toxisch in dem Fall, dass sich ein Kandidat der Mitte und zwei extreme Außenseiter gegenüberstehen. In einem eindimensionalen Bild muss der mittlere Kandidat an zwei Seiten um Stimmen konkurrieren, während die Außenseiter jeweils nur mit den mittleren Kandidaten konkurrieren. Der Kandidat welcher die Gesellschaft also am besten abbildet hat einen Nachteil und wird vor den beiden anderen eliminiert.

In Australien ist solche eine Situation der häufigste Grund zum strategischen wählen.

Verrat am Favoriten

Verfechter der IRV argumentieren, Wähler könnten immer ihre wahre Präferenzen ausdrücken, ohne auf Einfluss verzichten zu müssen. Wie im vorherigen Absatz gezeigt stimmt das nicht grundsätzlich. Es kann nicht schaden weitere Präferenzen anzugeben (siehe Later-no-Harm), doch das sagt nichts über die Reihenfolge oder Auslassungen. Denn bei der IRV - wie bei vielen anderen anderen Arten der Rangwahl - können Wähler ein besseres Ergebnis erreichen indem sie ihre wahren Favoriten nicht an erste Stelle setzen.

Dominanz zweier Fraktionen

Wegen den Problemen des Stimmsplittings und dem Verrat am Favoriten ist die beste Strategie nicht immer eine ehrliche. Zusammen mit der komplexen Auswertung ist es oft schwer festzustellen ob eine Strategie erfolgreich sein kann.

Eine naive Strategie ist daher die beiden stärksten Kandidaten zu betrachteten und das “kleinere Übel” an erste Stelle zu setzten. In Australien, wo das Unterhaus auf diese Art gewählt, scheint ein großer Teil der Wähler so zu handeln. Folglich dominieren nur zwei Parteien das Unterhaus.

Der Umstand, dass jeder Rang nur einmal vergeben werden kann verstärkt dabei diese Effekte. Viele Wähler verstehen nicht wie ihre Stimme gezählt wird und wählen damit ihre Erstpräferenz ähnlich wie bei der relativen Mehrheitswahl.

Polarisierung wird gefördert

Die Funktionsweise der IRV besteht darin, dass Stimmen für schwächere Kandidaten den stärkeren zugeschlagen werden. Die Stimmen werden also in Fraktionen zusammengefasst die einander ausschließen - eine Stimme unterstützt immer nur eine Fraktion. Die Fraktion welche über 50% der verbleibenden Stimmen ausmacht gewinnt.

Bei den meisten politischen Themen gibt es eine Normalverteilung der Wähler um eine Mitte. Die meisten Wahlverfahren versuchen diese Mitte möglichst genau zu finden. Die IRV aber nimmt an, dass es verschiedene Lager ohne Schnittmenge gibt und wählt den Gewinner aus dem größeren der Lager. Somit wird die Mitte meist ignoriert und die extremeren Kandidaten gewinnen - ein ähnliches Verhalten wie bei der relativen Mehrheitswahl.

Genauigkeit und Wählerzufriedenheit

Wahlsysteme rein anhand formaler Kriterien zu vergleichen führt die Diskussion meist in die Sackgasse. Denn verschiedene Experten stufen die Kriterien als unterschiedlich wichtig ein. Zudem lässt sich nur schwer feststellen wie oft ein Paradox in der Realität auftritt. Daher haben sich in den letzten Jahren Simulationen etabliert welche eine theoretische Wählerzufriedenheit (Voter Satisfaction Efficiency, VSE) ermitteln. Üblicherweise wird diese als Wert zwischen 0% (Gewinner ist nicht besser als ein zufälliger Kandidat) und 100% (es gewinnt immer der beste Kandidat) angegeben.

Warren Smith (2000) vergleicht eine Reihe von Verfahren. Weil die Annahmen zum strategischen Wählen nicht ganz nachvollziehbar sind betrachten wir hier nur die ehrliche Strategie. Die Werte habe ich in VSE umgerechnet.

John Huang (2021) (siehe Grafik am Anfang) nutzt ein realistischeres Modell und testet dabei mehrere Strategien. Die Wähler nutzen die Strategie welche ihnen am meisten Vorteil bringt.

VSE rel. Mehrheiswahl Stichwahl Integrierte Stichwahl Zustimmungswahl Bewertungswahl
Smith ehrlich 67% 76% 78% 81% 95%
Huang ehrlich 66% 86% 89% 93% 96%
Huang strategisch 67% 70% 75% 87% 91%
Durchschnitt 67% 77% 81% 87% 94%

Dabei wird ersichtlich, dass die IRV zur regulären Stichwahl kaum Verbesserung bringt (in Prozentpunkten: +4%). Die Zustimmungswahl aber deutlich besser dasteht (+10%).

Fazit

Die Integrierte Stichwahl ist in der Lage die reguläre Stichwahl zu ersetzen, hat darüber hinaus aber kaum Vorteile. Dieser Nutzen kommt aber mit viel zusätzlichen Aufwand, strategischen Problemen und Paradoxien. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Dominanz von zwei Parteien, alle weiteren Präferenzen werden dann irrelevant.

Es gibt vielerlei Wahlverfahren welche einfacher und deutlich besser darin sind den besten Kandidaten zu finden. Alle davon sind geeignet die Stichwahl abzuschaffen weil sie bereits ohne Stichwahl weitaus bessere Ergebnisse liefern. Am effizientesten wäre die Zustimmungswahl.

Mit der Integrierten Stichwahl würden wir lediglich viel Energie aufwenden um von einem schlechten Wahlverfahren zu einem anderen schlechten zu wechseln - ohne genau zu wissen welches von beiden mehr Probleme bereitet. Sie ist “eine Heilung die wahrscheinlich schlimmer ist als die Krankheit” (Langan 2005).

Referenzen

Huang, John. 2021. “Voting Method Simulations for Investigating Voter Satisfaction Maximization.” 2021. http://votesim.usa4r.org/summary-report.html.
Langan, James P. 2005. “Instant Runoff Voting: A Cure That Is Likely Worse Than the Disease.” https://scholarship.law.wm.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=&httpsredir=1&article=1293&context=wmlr.
Smith, Warren D. 2000. “Range Voting with Mixtures of Honest and Strategic Voters.” 2000. https://rangevoting.org/StratHonMix.html.
———. 2010. “3-Candidate Instant Runoff Voting: Master List of Paradoxes and Their Probabilities.” 2010. https://rangevoting.org/IrvParadoxProbabilities.html.